Das Ende 2017 gegründete Liechtensteiner Unternehmen Globalmatix AG hat einen grossen Schritt gemacht, den Markt für in Fahrzeugen gewonnenen Diagnosedaten kräftig aufzumischen. Auf der Rennstrecke am Nürburgring stellte ihr Gerät unter Beweis, dass es selbst widrigsten Bedingungen standhält. Eingebaut in einen Porsche GT4 CS des Rennstalls ESBA-Racing übermittelte die sogenannte xTCU während der Langstrecken-Meisterschaft Daten aus dem Innern des Boliden in Echtzeit an die Box und ins Internet.

Hexenwerk und Segen

Eigentlich sollte ein solches Werkzeug der Traum eines jedes Renntechnikers sein, möchte man meinen. Doch wie Globalmatix-Gründer Alois Widmann erklärt, hätten die ESBA-Teammitglieder im Vorfeld des Rennens vielmehr gefragt: „Was ist das für ein Hexenwerk? Wofür braucht man das?“ Ein Zwischenfall auf der Strecke führte den Technikern allerdings schnell den Nutzen der kleinen Box vor Augen: Im Qualifying am Samstagmorgen kam der ESBA-Porsche in hohem Tempo ins Schleudern, flog von der Strecke und kam schliesslich im Rasen zum Stehen. Da die Qualifikation in vollem Gange war, musste das Team quälend lange darauf warten, bis der Bolide schliesslich vom Abschleppdienst in die Box gebracht werden konnte. Dank der Globalmatix-Box konnten die Techniker die Zeit sinnvoll nutzen und anhand der aufgezeichneten Daten am Laptop nachzeichnen, was sich auf der Piste ereignet hatte. „Die Box zeichnete auf, dass das Kühlwasser auf einen Schlag weg war. Wir sind daher davon ausgegangen, dass ein Schlauch geplatzt sein musste und das Auto auf der eigenen Kühlflüssigkeit ausgerutscht war“, sagt Widmann. Die Daten legten ausserdem den Schluss nahe, dass der Hinterachse die abrupte Bremsung im Gras nicht gut bekam. Dank der Indizienauswertung und Fehlerdiagnose konnte das ESBA-Rennteam – noch bevor der Wagen in der Box angekommen und physisch unter die Lupe genommen werden konnte – die benötigten Ersatzteile organisieren. Schliesslich konnte der Porsche GT4 dank des vorgängig als Hexenwerk verschrienen Box in letzter Minute für den Renneinsatz ab 12:00 Uhr fit gemacht werden. Besser hätte das Rennwochenende aus Sicht von Alois Widmann nicht laufen können. „Nach dem Vorfall war die Sinnhaftigkeit der Box kein Thema mehr. Ohne sie hätten die Amateur-Rennfahrer das Rennen verpasst. So reichte es am Ende für den starken 5. Platz.“

Eine Champagner-Dusche verdiente sich die xTCU auch, weil es den widrigen Bedingungen standhalten konnte und somit den Beweis lieferte, dass es bedenkenlos auch im nicht rennsportlichen Alltag eingesetzt werden kann. „Das war ein unheimlicher Stresstest für unser Gerät“, sagt Widmann und spielt auf den Spitznamen des Nürburgrings an: „Es ist Vollgas durch die grüne Hölle gegangen und hat sich dabei als sehr robust und zuverlässig gezeigt.“

Erste Anwender ausgestattet

Tatsächlich ist die xTCU von Globalmatix bereits im Alltag angekommen. Vor rund einer Woche wurden die ersten Fahrzeuge Liechtensteiner Unternehmen mit dem 20 mal 5 Zentimeter kleinen High-Tech-Kästchen ausgestattet, um künftig Diagnosedaten in die Firmenzentralen zu übermitteln. Beispielsweise sind aktuell einige Geräte in Zustellfahrzeugen der Liechtensteinischen Post AG eingebaut. Ausserdem ist geplant, dass einige der dreirädrigen Elektro-Motorroller testweise ebenfalls mit der Globalmatix-Erfindung auf Liechtensteins Strassen unterwegs sein sollen. „Die Elektrotöffs werden täglich in zwei Schichten eingesetzt. Dank unserer Box kann man vor Beginn der zweiten Schicht abschätzen, ob der Akku ausreicht“, sagt Widmann. Dadurch könnten Ausfallzeiten vermieden werden.

Auch rund 50 Fahrzeuge des Labormedizinischen Zentrums Dr Risch wurden kürzlich probeweise mit einer xTCU „Made in Liechtenstein“ ausgestattet. Unter anderem transportieren diese hochsensible Blutkonserven in der ganzen Schweiz. Dank den Daten aus den Autos kann, unter Berücksichtigung der Verkehrssituation, sehr genau berechnet werden, wann die Konserven am Zielort ankommen. Daneben gehören auch das Reinigungs- und Wartungsunternehmen Top Service AG und der Lebensmittelhändler Früchtebox AG zu den Early Adopter der Diagnose-Box von Globalmatix. Auch sie können künftig einsehen, wo sich ihre Flotte befindet, ob allenfalls Öl nachgefüllt werden muss oder ein Gang in die Garage angezeigt ist. Dank den über die Cloud verfügbaren Diagnosedaten sollen Pannen und kostspielige Standzeiten der Vergangenheit angehören. „Autos sind Wirtschaftsgüter mit hohen Anschaffungskosten“, sagt Widmann, „wir wollen mit unserem Gerät dabei helfen, die Lebensdauer zu verlängern und die Effizienz zu steigern.“

Lösungen für die Industrie

Zum Markteintritt setzt Globalmatix auf Connected-Car-Services. Das liegt auch daran, dass der deutsche Mutterkonzern Softing AG, der das Start-up Mitte März für knapp 14 Millionen Euro übernommen hat, auf das Auslesen von Fahrzeugdaten über kabelgebundene Stecker spezialisiert ist. Dank der Technologie aus Liechtenstein kann Softing ihre Dienstleistungen nun auch über die Cloud anbieten. In Zukunft will sich Globalmatix aber auch einen Platz in den Industriehallen dieser Welt sichern und bei den Megatrends Industrie 4.0 und Internet der Dinge eine wichtige Rolle spielen. Durch die Digitalisierung soll Wartung vorhersehbar gemacht werden.

| Von Stefan Lenherr
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